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Mission Lifeline – Lebensrettung kann nie falsch sein.

Veröffentlicht in Kreisverband

Georg Albiez ging Anfang des Jahres in Pension und könnte seine Zeit gut mit Reisen verbringen. Auf einer Kreuzfahrt zum Beispiel. Tatsächlich aber folgte er dem Ruf einer früheren Kollegin vom Bad Krozinger Herzzentrum und ging als Schiffsarzt auf Fahrt im Mittelmeer um Flüchtlinge aus diesem Meer des Todes zu retten. Darüber berichtete er nun im Bürgersaal des Merzhauser Rathauses auf Einladung des SPD-Ortsvereins Hexental und der Kreis-SPD.

Seine Kernaussage – er nannte es trauriges Fazit – war sehr klar: Er ließ kein gutes Haar an der Regierungskoalition und besonders an Innenminister Seehofer. Mehr noch aber hob er immer wieder die Rolle des rechtsextremistischen italienischen Innenministers Salvini hervor.

Das Thema bewegt die Menschen, das konnte man an dem vollen Saal direkt erkennen. Rund 80 Gäste konnte die Vorsitzende der Kreis-SPD Birte Könnecke trotz tropischer Temperaturen begrüßen, unter ihnen auch der frühere Landtagsabgeordnete Christoph Bayer. Die ursprünglich aufgestellten Stühle reichten bei weitem nicht, es musste nachgestuhlt werden.

Birte Könnecke

Man darf es dann durchaus bedrückend finden, dass es Albiez als notwendig erachtet mit den gesetzlichen Grundlagen zur Seenotrettung zu beginnen und dabei das Grundgesetz, die Genfer Flüchtlingskommission und die UN-Charta der Menschenrechte zitiert. Sein Fazit: Europa und damit eben auch Deutschland verstößt derzeit gegen alle diese Gesetze und sämtliche Verpflichtungen daraus. Schließlich werden im Moment alle Rettungsboote und Flugzeuge von NGOs festgehalten, man nimmt das Ertrinken Tausender von Menschen billigend in Kauf und bekennt offen wie Salvini, dass man die Zahl der Flüchtlinge (er nennt sie verächtlich Menschenfleisch), die über das Meer kommen, auf Null zurückfahren wird.

Was das bedeutet, das machte Albiez mit einer Betrachtung der tödlichsten Grenze der Welt deutlich. Es ist die Seegrenze Lybiens, das er als „failed State“, als gescheiterten Staat, bezeichnet. Die „Regierung“ dort verliert ihren Einfluss schon jenseits der Stadtgrenzen von Tripolis. Was immer die EU mit dieser Bande verhandelt ist irrelevant, denn die Internierungslager und Folterzentren der Schleuser und der Milizen liegen außerhalb.

Georg Albiez

Die Flüchtlinge werden gefoltert und auf engstem Raum festgehalten, bis ihre Familien genug Geld zusammengekratzt haben und sie dann auf Billigschlauchbooten aufs Meer geschickt werden. Wenn sie Pech haben, werden sie von der „Libyschen Küstenwache“ aufgehalten. Das sind vier uralte Patrouillenboote, die Lybien von Italien geschenkt bekam. Die Mannschaften darauf sind völlig unerfahren und noch nicht einmal richtig in der Lage die Schiffe einigermaßen ordentlich zu bedienen. Aber ihr Auftrag ist klar: Der Kapitän eines dieser Boote machte der Mission-Lifeline-Crew bei einem Aufeinandertreffen unmissverständlich klar: „Helper, I will kill you“ – mehr Englisch konnte er nicht, aber dafür hat es gereicht. Menschen nach Lybien zurückzubringen ist überhaupt keine Option, das sieht auch die UNHCR so.

Einen breiten Rahmen räumt er dann seinen Erlebnissen auf der Mission Lifeline ein. In anschaulichen und erschreckenden Worten wie Bildern berichtete er von den insgesamt gut 450 Menschen, die sie aus dem Meer gerettet haben. Etwa die Hälfte davon wurden von Containerschiffen aufgenommen, 234 aber brachten sie selbst nach Malta, wo sie nach einem Nervenkrieg schließlich nach einer knappen Woche anlanden durften. Albiez nannte das Boot und die Geflüchteten eine Geisel Seehofers und kritisierte die Regierungsparteien scharf.

Seither konnte kein Schiff mehr auslaufen. Seither muss sich der Kapitän Claus-Peter Reisch auf Malta vor Gericht verantworten – angeblich, wegen einer fehlenden Registrierung des Schiffs. UNd seither geht das Ertrinken verzweifelter Menschen im Mittelmeer ungebremst weiter.

Albiez Fazit ist deshalb ein trauriges: Es gibt keine Seenotrettung mehr, die Länder der EU brechen internationales Seerecht und sämtliche internationale Abkommen. Retter werden kriminalisiert, Recht wird zu Unrecht. Die Staaten der EU sind auf dem Weg in das Unrecht und die Barbarei.

Er schloss deshalb mit einem Appell an die Zivilgesellschaft. Es ist Zeit für Zivilcourage, es ist Zeit aufzustehen.

Viele der genannten Punkte wurden in der nachfolgenden Diskussion vertieft und auch Albiez scharfe Kritik an Union und SPD wurde aufgenommen. Samuel Gebert – Mitgliederbeauftragter der CDU im Kreis und selbst seit Jahren in der Flüchtlingshilfe sehr aktiv – erwähnte die vielen Initiativen aus beiden Parteien auf diesem Feld und Bernd Engesser, Vorstandsmitglied der AG Migration und Vielfalt der SPD Kreisverbände der Umgebung berichtete vom wichtigen Kampf für die Integration der Geflüchteten.

Wichtig auch: Ein Kässle, in dem üblicherweise um Spenden für die Getränke zur Veranstaltung gebeten wird, ging dieses Mal auch rum. Das Geld ging aber zu 100% an den Referenten mit der Bitte, es an Mission Lifeline weiterzugeben. Es war sehr gut gefüllt.

Oswald Prucker

 

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